Programm:
Pietro Antonio Locatelli (1695-1764)
Sonata in Es-Dur, op.6 Nr.11 (Amsterdam 1737)
Adagio
Allegro
Cantabile (Aria 1,2 und 3)

Georg Friedrich Händel (1685-1759)
Sonata in D-Dur, HWV 371 (1749-1751)
Affettuoso
Allegro
Larghetto
Allegro
Pause

Johan Sebastian Bach (1685-1750)
Sonate in E-Dur, BWV 1016 (1717-1723)
Adagio
Allegro
Adagio ma non tanto
Allegro

Pietro Antonio Locatelli
Sonata in c-Moll, op.6 Nr.5 (Amsterdam 1737)
Andante
Allegro
Vivace (Aria 1,2,3 und 4)

Der italienische Violinist und Komponist Pietro Antonio Locatelli verließ
vierzehnjährig seine Heimat Bergamo, wo er am 3. September 1695
geboren wurde, um in Rom bei Archangelo Corelli zu studieren. Der
Einfluss seines Lehrers wurde vor allem in Locatellis Concerti grossi op.1
deutlich. Später wurde er stärker von Antonio Vivaldi beeinflusst. In
seinem „L’Arte del Violino“ (Amsterdam, 1733/35), ein Werk voller
atemberaubender Virtuosität und Kantabilität übertraff Locatelli sogar
seine illustren Vorgängern. Diese Komposition hatte grossen Einfluss auf
Violinvirtuosen späterer Generationen wie Nicolò Paganini.
Schon früh wandte sich Locatelli von seiner Heimat ab. Nachdem er
mehreren nordeuropäischen Adeligen wie Prinz Philipp von Hessen-
Darmstadt und Friedrich August von Sachsen als Kammervirtuose gedient
hatte, zog er 1729 nach Amsterdam wo er sesshaft wurde und bis zu
seinem Lebensende wirkte. Er komponierte, gab Violinunterricht und
verlegte seine op.1 bis 9 und Werke anderer Musiker. Wohlhabende
Musikliebhaber ermöglichten dem in Amsterdam unüberbotenen Virtuosen
ein überdurchschnittlich gut situiertes Leben. Diese Gesellschaftsschicht
reicher Kaufleute und städtischer Beamter bildete ein neues
Mäzenatentum heraus. Anders als der europäische Adel waren diese
Bürger nicht darauf aus, ein prunkvolles, repräsentatives Hofleben zu
schaffen und dazu Musiker in Daueranstellung zu beschäftigen. Sie
verlangten auch nicht nach sich jeweils überbietenden neuen
Kompositionen, sondern begnügten sich mit Anerkanntem, beispielsweise
mit dem verhältnismäßig kleinen Oeuvre Locatellis, an dessen
Aufführungen sie oft als begeisterte Dilettanten mitwirkten. Im Salonleben
des gehobenen städtischen Bürgertums war Locatelli als Virtuose und
Komponist eine anerkannte, bewunderte und geförderte Größe. 1741
richtete er in seinem Haus einen Betrieb für den Verkauf von Violinsaiten
ein. 1742 wurde sein Einkommen in einer erhalten gebliebenen Schätzung
der Personalsteuern mit 1500 Gulden jährlich eingestuft. Es war das
höchste Einkommen aller Amsterdamer Musiker seiner Zeit. Er
bezeichnete sich denn auch als „Italiaansche Muziekmeester woonende te
Amsterdam.“ Am 30. März 1764 starb Locatelli in seinem Haus an der
Prinsengracht.
Der amtliche Nachlass-Inventar Locatellis ergänzt das Bild, das die
wenigen Dokumente über sein Leben nur andeuten. Eine Bibliothek mit
über eintausend Titeln zeigt Locatellis Interesse an Literatur und
Wissenschaft. Es finden sich ornithologische, theologische,
kirchengeschichtliche, politische, geographische, kunsttheoretische und
mathematische Werke. Die musiktheoretische Literatur reicht zurück bis
ins 16. Jahrhundert. Aus den vielen gedruckten und ungebundenen
Musikalien ragt eine Gesamtausgabe der Werke Corellis hervor. Eine große
Sammlung von Bildern vor allem niederländischer, italienischer und
französischer Meister zeugen von Locatellis Kennerschaft auch auf diesem
Gebiet. Insgesamt spiegelt sich in Locatellis Nachlass ein Mann von
umfassender Geistesbildung. All das Genannte, auch seine Instrumente
und vieles darüber hinaus, wurde schließlich im August 1765 versteigert.
Als sich Locatelli 1729 nach Amsterdam wandte, fand er dort das Zentrum
des europäischen Musikverlagswesens vor. Sehr sorgsam kümmerte er
sich persönlich um fehlerlose Ausgaben. Die groß besetzten Werke
übergab er verschiedenen Verlagen, die kleiner besetzten edierte und
vertrieb er selbst. In Amsterdam konnte Locatelli ein Druckprivileg
erwerben, das die dort oder in Leiden verlegten Werke in Holland und
Westfriesland vor unerlaubten Nachdrucken bewahrte und Importe von
Nachdrucken verhinderte. Eine Bedingung dieses Privileges war, dass
Locatelli von jedem Werk ein kostenloses Exemplar an die Leidener
Universitätsbibliothek abgab. Dadurch konnten Erstdrucke bis heute sicher
erhalten bleiben.

Karel Boeschoten, Violine
Der Niederländer Karel Boeschoten verkörpert den heute seltenen Typus
der umfassenden Musikerpersönlichkeit. Das geigerische Handwerk erwarb
er sich bei Herman Krebbers in Amsterdam und Igor Ozim in Köln.
Als Mitglied des Concertgebouworkest Amsterdam und der Camerata Bern
spielte er in führenden Orchestern mit, 2004 wirkte er als Gast-
Konzertmeister beim Orchestra Filarmonica della Scala di Milano.
Als Solist trat er u.a. in der Carnegie Hall und an den Berliner Festwochen
auf. Zusammen mit renommierten Kammermusikpartnern pflegt er eine
Tradition des spontanen Musizierens, die ihn später auch zur
Improvisation geführt hat: als Mitglied des frei improvisierendem
European Chaos String Quintet trat er europaweit auf.
Für Musikhochschulen im In- und Ausland ist er ein gefragter Gast-Dozent.
Als Komponist schrieb er selber mehrere Solowerke für Violine. Sein
Violinkonzert wurde 2001 in den Niederlanden uraufgeführt, seine „Suite
Extravaganza“ 2002 am Boswiler Sommer. Mehrere Werke widmete ihm der
rumänische Komponist Dan Dediu, dessen Violinkonzert „Nuferi“ er 2004 in
Zürich zur Uraufführung brachte. Die slowakische Komponistin Iris Szeghy
schrieb für Boeschoten ein Werk für solo Violine, „Slowakischer Tanz.“
Die Uraufführung dieses Werkes fand 2006 an Boeschoten’s eigenem
Festival die „Rüttihubeliade“ statt.
Unbedingte Expressivität des Spiels, gepaart mit einem sprechenden
Ausdruck und natürlichem Atem zeichnet den Musiker aus, der immer neu
Grenzen auszuweiten sucht. Mit seiner offenen Haltung gegenüber weiteren
Musikstilen ist er auch zum begehrten Spezialisten für Crossover-Projekte
geworden. Als musikalischer Partner gestaltete er die Auftritte der
Flamenco-Tänzerin Nina Corti wesentlich mit. Mit Pierre Favre musizierte er
am Lucerne Festival, mit Stephan Eicher am Jazz Festival Montreux. Die
rumänische Volksmusik inspirierte ihn 1998 gemeinsam mit Marius
Ungureanu zum Ensemble Drum, das Klassik, Improvisation und
Osteuropäische Volksmusik virtuos und gefühlvoll miteinander verschmelzen
lässt. Mit der Formation „Kalandos“ setzt er sich seit 2002 kreativ mit
ungarischer Volks- und Zigeunermusik auseinander.
Seine gestalterische Phantasie verhilft stets neu zu überraschenden
Erlebnissen und zwingt zu einem intensiveren Hören. Dank seiner
physischen Präsenz, gelegentlich auch verbunden mit einem clownesken
Moment ist Boeschoten ein gefragter Performer. So wurde er mehrmals als
„special guest“ an den Boswiler Musiksommer und an das Davoser Festival
eingeladen. In einem eigenen Festival, den Seelscheider Tagen der Musik
verwirklichte er bis 2002 seine eigenen originellen Programmideen und seit
November 2005 tritt Boeschoten mit seinem neuen Programm „Die
Wohltemperierte Violine“ auf, ein facettenreicher Rückblick auf seine
ereignisreiche musikalische Laufbahn.
Seit 2006 ist er Künstlerischer Leiter des Musikfestivals „Rüttihubeliade.“
Speziell für dieses Programm spielt Karel Boeschoten auf einer Violine
welche circa 1700 in Amsterdam von Hendrik Jacobs gebaut wurde.

Vital Julian Frey, Cembalo
Vital Julian Frey gilt als Wegbereiter einer neuen Generation von
Cembalisten. Technische Souveränität und ein hohes musikalisches Niveau
sind ebenso seine Markenzeichen wie auch eine überzeugende
Bühnenpräsenz und ein guter Kontakt zum Publikum.
Vital Julian Frey pflegt eine aktive Konzerttätigkeit. Zu seiner
künstlerischen Beschäftigung zählen Konzerte als Solist mit Orchestern
wie Capriccio Basel, den Bamberger Symphonikern oder dem Leipziger
Concert, kommentierte Kinderkonzerte und Solo-Rezitale im Rahmen
international bekannter Konzertreihen und Festivals: Menuhinfestival
Gstaad, Les Muséiques Basel, Bachfest Leipzig, Lucerne Festival, MDRMusiksommer,
Orpheum Musikfesttage Zürich, Bratislava Music Festival,
Murtenclassics, Bachwochen Thüringen, Festival van Vlaanderen Brugge,
Rüttihubeliade u.a. Als Kammermusiker arbeitet er mit Musikern wie
Kristin von der Goltz, José Vazquez, Christine Schornsheim, Fiorenza de
Donatis, Sabrina Frey, Sergio Azzolini und Reinhard Goebel zusammen.
Von der einheimischen Presse als „der wohl beste Cembalist der Schweiz“
bezeichnet, engagiert sich Frey auch für das schweizerische Kulturleben
und tritt an wichtigen kulturellen Anlässen auf, wie z. B. im Rahmen der
Swiss Expo 2002 in Murten oder im Juni 2005 zur Eröffnung des Zentrums
Paul Klee in Bern.
Seine Ausbildung erhielt Vital Julian Frey an den Musikhochschulen in
Freiburg im Breisgau und München, wo er bei Robert Hill und Christine
Schornsheim das Konzert- und das Solistendiplom ablegte. Weitere
wichtige künstlerische Impulse erhielt der Cembalist im Unterricht bei
Christophe Rousset, Gustav Leonhardt, Kenneth Gilbert, Christiane
Jaccottet und Andreas Staier.
Vital Julian Frey hat mehrere Rundfunk-Aufnahmen eingespielt u.a. bei
Radio DRS 2, Radio Suisse Romande, Rundfunk Saarbrücken, SWR 2,
BBC, France Musique, Radio Madrid und beim bayerischen Rundfunk. Im
Sommer 2002 erhielt er von der bedeutenden Accademia Musicale
Chigiana di Siena das „Diploma di Merito.“ Soeben ist seine neue Solo-CD
„The Italian Connection“ beim Verlag „Deutsche Harmonia Mundi“ (SONY)
erschienen.